"Ärzte schlagen zurück"

20.04.2006
VON SIMON SPENGLER
20.04.2006


BERN – Jeder 20. Arzt ein Abzocker? Die Mediziner kochen vor Wut auf die Krankenkassen. Viele wollen die Einheitskasse unterstützen – aus Protest.

«Die neue Attacke der Krankenkassen auf die Ärzte ist eine Unverschämtheit», protestiert FDP-Nationalrat und Vizepräsident der Ärztevereinigung FMH Yves Guisan (64). Grund für seinen Zorn: Der Krankenkassenverband Santésuisse behauptet, jeder 20. Arzt würde überhöhte Rechnungen ausstellen (im SonntagsBlick).

«Wenn ich als Arzt viele Chronischkranke betreue, die hohe Kosten verursachen, werde ich als Abzocker hingestellt. Das ist nicht akzeptabel!», sagt Guisan. Unterstützt wird er vom Arzt und SP-Nationalrat Paul Günter (62): «Nach der Logik von Santésuisse fährt der Arzt am besten, der möglichst viele gesunde Patienten hat. Diese Bürolisten haben von Medizin keine Ahnung.» Guisan geht noch weiter: «Santésuisse sollte die Löhne der Krankenkassenbosse veröffentlichen. Das sind die wahren Abzocker. Denen geht es schon lange nicht mehr ums Wohl der Patienten, sondern bloss um ihre Rendite.»

Hinter dem Krieg steckt die Absicht der Kassen, den Vertragszwang mit den Ärzten aufzuheben. Pikant: Ausgerechnet Guisans Parteikollege, Ex-Verwaltungsrat der Groupe Mutuelle und Bundesrat Pascal Couchepin (64), steht voll auf Seiten der Kassen. Nicht nur er: «Immer mehr Politiker kassieren heute für irgendein Mandat Geld von den Krankenkassen. Das ist eine ‹schöne› Art von Korruption», schimpft Guisan.

Tatsächlich betrug die Kostensteigerung bei den Ärzten zwischen 1998 und 2004 17 Prozent – nur wenig mehr als der Anstieg des Bruttoinlandprodukts.

Den grossen Batzen machen aber die Medikamente aus: Für sie mussten die Kassen im gleichen Zeitraum 52 Prozent mehr zahlen. «Aber vor der Pharmaindustrie kuschen alle», so Guisan.

Da geht man lieber auf die Ärzte los. Für die Kassen könnte das ins Auge gehen. Guisan: «Ich kenne viele Ärzte, die jetzt die Initiative für eine staatliche Einheitskrankenkasse unterstützen. Sie haben die ständigen Attacken von Santésuisse einfach satt.»